Europa Error Europa


EUROPA, ERROR, EUROPA,

Die Genese dieser Arbeit begann 2016. Berliner Architekt*innen Namens morePlatz starteten eine Interventionsreihe. Sie schrieben EUROPA in Lettern aus Leuchtstoffröhren an Gebäuden in deutschen Städten. Die 33 Neonröhren pro Schrift wurden durch Crowdfunding von je 33 kunstaffinen „Pat*innen“ finanziert. Der leuchtende Schriftzug sollte ein Zeichen für Europa sein, für die „europäische Idee als trans- und supranationale Demokratie jenseits der nationalstaatlichen Logik der Abgrenzung“. 

Es sollte eine Antithese zu den bestehenden nationalistischen Tendenzen sein und eine Mahnung, wir würden Europa viel zu selbstverständlich nehmen und sollten uns darauf besinnen Europa wieder gemeinsam zu machen, so morePlatz. Sie entwickelten das Konzept für EUROPA als wanderndes Zeichen. Dieses Zeichen sollte auch in Hamburg all jene erreichen, die über die Elbbrücken und den Heidenkampsweg mit dem Auto ins „Tor zur Welt“ einfahren.

Mehr als drei Jahre thronten die Röhren auf dem Dach des Kraftwerk Bille und erhellten das sonst recht dunkle Hammerbrook. Ein Stadtteil der Hauptsächlich aus Bürogebäuden, der Stadtreinigung, Kanälen, Kleingärten, Sportvereinen, Sexarbeit, LKW-Parkplätzen, Notunterkünften, kleinerem produzierenden und exportierendem Gewerbe besteht. Eine arbeitende Nachbarschaft, zu der auch ein Haufen Künstler*Innen zählen.

Denn die Installation von morePlatz wurde künstlerisch weiterentwickelt: EUROPA wurde ERROR wurde EUROPA, ein flimmern für eine Nacht. Um Missverständnissen vorzubeugen, dies geschah nicht aus einer Haltung gegen Europa per se und ganz bestimmt auch nicht um nationalistischen, antieuropäischen Tendenzen zu zuspielen, sondern weil die Geste der Mahnung Ende 2021 eine Blickverschiebung braucht, eine Irritation. Es war zu einfach EUROPA stehen zu lassen, oder aber EUROPA ist zu ambivalent um einfach zu strahlen. Europa ist ein komplexes Gefüge, keine Frage, dass eine Installation und dieser Text dem nicht gerecht wird. Außengrenzen, Pushbacks, Paramilitärs oder die „Europäische Agentur“, Austerität, Nationalismus, Postfaschismus, Brexit oder, ganz neu, Polexit, – Wörter wie bei Mickey Maus wie der Philosoph G. M. Tamás sagte – Mangel „eigener“ Ressourcen, ein Wirtschaftszusammenschluss im Wind von China/Russland/den USA. Mal Verstanden als ökonomisch motivierte Zwangsehe, mal aufgeladen mit dem Mythos der schönen Europa und mal beschrieben als der einzige Weg zu Frieden auf diesem wahrhaft barbarischen Kontinent. Klar, dieses Gefüge fußt auf der strategischen Ausbeutung anderer Regionen oder im Zweifel auch der „eigenen“ südlichen Staate.

„A Happy Future is a Thing of the Past“ ist der Titel eines Buches von Pavlos Rufos in dem die deutsche und damit europäische Austeritätspolitik zu Griechenland beschrieben wird, der Titel ist selbstverständlich Programm. Und, ja, auch in Zukunft bleibt es spannend, „Mehr Europa“ ist das Lippenbekenntnis einer schwindenden Zahl Politiker*innen. Politische Entscheidungen zu treffen ist schwer und die Bedürfnisse der einzelnen Länder individuell. (Obwohl z.B. der Klimawandel grenzübergreifende Auswirkungen haben wird, es wird richtig teuer, und „der Markt“ wird das nicht richten, nicht ohne politische Entscheidungen, das weiß sogar mein neureicher Wirtschaftswunder-Onkel).

Europa tänzelt zwischen Werteunion und Wirtschaftszusammenschluss, im großen Transnationalen und im kleinen Kontext auf dem Dach eines Industriedenkmals, dem Kraftwerk Bille, innerhalb der Stadtentwicklungspolitik Hamburgs.  EUROPA, ERROR, EUROPA. Es ist ein Zeichen des Ausrufs für einen nächsten Versuch: ERROR, dann Neustart.  Es ist eine Wertschätzung für die Mahnung, die uns morePlatz mitgeben wollte. Ein Flimmern als Kommentar.

Text Nuriye Tohermes

Foto Edward Greiner

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